Zivilisations-Neurose und Erleuchtung
1947, in der so genannten "schlechten Zeit", geboren, litt ich dennoch als Kind keine materielle Not. Aber ich bekam viel Rückmeldung, daß ich viel falsch machte, fühlte mich immer mehr abgelehnt, ungeliebt - minderwertig. Intensive Gefühle durften nicht gelebt werden – vor allem die negativen. Die wurden oft unter Androhung von Strafe verboten. Ich sollte "vernünftig" sein, und "normal". So lernte ich dauernde Unsicherheit – aus Angst, Fehler zu machen und von anderen kritisiert zu werden. Bis zum 44. Lebensjahr verstand ich die Welt, das Leben nicht - als hätte man mir eine wichtige Information vorenthalten. Im Grunde war ich unglücklich.
Im Beruf gewann ich etwas Selbstbewusstsein, konnte aber schlecht allein sein; saß viel in der Kneipe; lernte 1972 meine Frau kennen. Trotz eines ungelösten Konflikts um Gefühle blieben wir zusammen; versuchten ein "normales" Leben zu führen. 1980 kam unsere Tochter zur Welt.
Am 16. Dezember 1987 erfuhr ich vom Selbstmord meines jüngsten Bruders, Matthias. Eine unbegreifliche Tat - wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ein gewaltiger Schock! Ich konnte das nicht verstehen, nicht einordnen. Tags darauf im Büro wurde das Gedankenkarussell in meinem Kopf unerträglich. Zu Fuß machte ich mich auf den Heimweg. Unterwegs drängten sich mir auch all die anderen negativen Dinge auf, die mich schon eine Weile belasteten. Mein ganzes Leben kam mir vor wie ein einziger Misserfolg, eine einzige Qual. Ich war nicht glücklich - und nichts wollte mir glücken. Wozu noch leben?
In dem Augenblick hörte ich die Stimme meines verstorbenen Bruders: "Komm’ doch auch hierher". Ich wunderte mich gar nicht, seine Stimme zu hören - klar und deutlich, wie wenn er einen Meter neben mir ginge. Ja, dachte ich, ich mache meinem Leben ein Ende und folge ihm ins Jenseits. Aber da meldete sich seine Stimme ein zweites Mal: "Nein, bleib' noch da; du hast noch was zu tun". Zu Hause angekommen, brach ich weinend zusammen.
Nach 2.1/2 Jahren fühlte ich mich wieder so belastbar wie früher, nach einem weiteren Jahr staunte ich darüber, dass ich mich nun besser, stabiler, gesünder – lebendiger - fühlte als jemals zuvor. War ich denn früher immer irgendwie krank oder nicht richtig entwickelt gewesen?
Als mein anderer Bruder, Michael, Probleme mit Depression hatte, musste ich erst meine Angst überwinden - z.B. ihn tot vorzufinden oder in einer Situation, die mich überfordern könnte. Früher war ich vor Schwierigkeiten meist weggelaufen. Nun aber stellte ich mich dem Problem. Und plötzlich durchfuhr mich die Erkenntnis, dass ich immer nach einem falschen Grundsatz gelebt hatte. Als ich das begriff, wurden mir auch damit verbundene andere Grundsätze bewusst, nach denen ich gelebt hatte und die sich nun als falsch oder nachteilig erwiesen. Es gab eine Kettenreaktion. Innerhalb von Sekunden folgte eine ganze Reihe von wichtigen Erkenntnissen; ein Gedankenblitz jagte den nächsten – wie ein innerliches Feuerwerk. Ich hatte wirklich den Eindruck, es wurde hell - in meinem Kopf und um mich herum. War das eine Erleuchtung?
Als Fachmann für Beleuchtung sah ich das ganz lebensnah: Wenn eine Straße erleuchtet wird oder ein Haus - was ändert sich? Man sieht einfach besser als im Dunklen; man sieht weiter, deutlicher, plastischer, farbiger. Man erkennt mehr und versteht besser. So ging es mir nun auch: In mir war es 40 Jahre "dunkel" gewesen und jetzt wurde "Licht" gemacht.
Wochenlang war ich sehr gehobener Stimmung und voller Ideen, wie positiv sich meine und unser aller Zukunft aufgrund dieser wichtigen Erkenntnisse entwickeln könnte. Die ersten Tage ging ich wie auf Wolken; schien immer einige Zentimeter über dem Boden zu schweben. Auch nach Tagen, Wochen, Monaten kamen immer noch einzelne Gedankenblitze und Erkenntnisse, die meine neue Einstellung bereicherten und abrundeten. Ein neues Weltbild, eine neue Grund-Überzeugung wuchs in mir.
In welcher Reihenfolge die vielen wichtigen Dinge damals abliefen und in welchen zeitlichen Abständen, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere nur die wesentlichen Eindrücke und Erlebnisse:
• Ich hatte ein Gefühl völliger innerer Befreiung. Mir war, als hätte ich bis zu diesem Erlebnis im Windfang oder der Diele eines großen Hauses gelebt, von dem ich zwar ahnte, dass es noch andere Stockwerke und Räume hatte, die mir aber nicht zugänglich waren. Nun aber konnte ich in alle Stockwerke und Räume gehen - wohin immer ich wollte. Und es gab mehr (und schönere!) Räume, als ich mir jemals hätte träumen lassen.
• Ich stand real am Fenster und sah im Gartenbeet einen Vogel und bewunderte seine Fähigkeit, nur mit dem, was er am Leibe trägt oder in der Natur findet, sein Leben zu bewältigen. Das fand ich nun plötzlich als das am höchsten entwickelte Leben auf diesem Planeten und nicht den Menschen, der angeblich die "Krone der Schöpfung" sein sollte. Denn der zivilisierte Mensch braucht doch so viele Hilfsmittel. Ich erkannte, dass der zivilisierte Mensch im Vergleich zu den so lebenstüchtigen Tieren erschreckend degeneriert oder unterentwickelt war. Ich fand, die zivilisierte Gesellschaft litt an einer Art Krankheit, von der sie befallen war, seit die Zivilisation begonnen hatte. Vor allem sah ich mich selbst betroffen davon.
• Wochenlang hatte ich abends kurz vor dem Einschlafen eine gnadenlos sich wiederholende blutige Vision von mechanischen Geräten, die menschliche Körper(teile) verletzten. Diese Vision mit den blutrünstigen Bildern verschwand für immer, als ich erkannte, dass diese Vision mich meinte, dass ich – und zwar seelisch - verletzt war.
• Dies und die Erkenntnis der kollektiven Neurose der Zivilisationsgesellschaft brachten mich zu der Entscheidung, dass ich anstreben wollte, das große Ungleichgewicht zwischen meiner vernachlässigten Gefühlswelt und meinem überbetonten Intellekt zu beseitigen. Ich beschloss, nun mehr auf meinen Bauch zu hören, meinen Gefühlen mehr Bedeutung und Raum zu geben und weniger vom Kopf, vom rationalen Verstand her zu leben.
• Ich fühlte mich - wie von höherer Macht, von Gott -, geleitet, geführt; ich eilte von einer schönen, wichtigen Erfahrung zur nächsten. In rascher Folge lernte ich eine Lektion nach der anderen, wie wenn ich alles Versäumte der letzten 44 Jahre in einem intensiven "Crash-Kurs" nachholen sollte. Ich fand Bücher und wichtige Dinge heraus, lernte Menschen kennen und andere Sichtweisen, Überzeugungen, Gesetzmäßigkeiten - eine ganz neue Welt.
• Ich hatte das Gefühl, langsam in eine neue Dimension hineinzuwachsen - eine die nur Menschen sichtbar und begehbar wird, die ein bestimmtes Entwicklungsstadium erreicht haben. Es war, als steckte ich meinen Körper durch einen unsichtbaren Vorhang, hinter dem die Welt nicht mehr laut, grau, schmutzig, verwirrend, anstrengend, deprimierend war, sondern wohlig leise, farbig, strahlend hell, sauber, klar, leicht - und voller Freude und Erhabenheit.
• Ich sah in einem inneren Visionsbild die Beziehungen zwischen mir und allen anderen Wesen wie ein Netz von Fäden aus Goldstaub - jedes auch mit jedem anderen verbunden.
• Im Umfeld der Erleuchtung fand ich auch endlich meine Beziehung zu Gott. Von meiner natürlich-religiösen elsässischen Großmutter hatte ich als kleines Kind die Grundzüge des christlichen Glaubens und Beten gelernt, später aber nicht weiter praktiziert. In Gottesdiensten, die ich besuchte, fand ich nicht das passende für mich. Mit 21 war ich aus der Kirche ausgetreten in der Hoffnung, Gott - wenn es ihn denn wirklich gäbe -, auch ohne sie zu finden. Und so geschah es nun, ohne dass ich es gezielt angestrebt hätte. Es schien eher, daß ER mich gefunden hatte.
• Eine Weile sprach ich mit einem inneren Berater, den ich nun kennen lernte und der mir Antwort auf alle Fragen gab, die ich an mein Inneres richtete. Eine ruhige, freundliche Männerstimme gab mir bereitwillig und geduldig Auskunft. Später fragte ich nur noch bei ganz wichtigen Fragen, wenn ich im Zweifel war. Ansonsten entschied ich einfach immer häufiger nach meinem Gefühl, aus dem "Bauch" - und fand, dass ich damit erstaunlich gut beraten war.
• Anders als früher konnte ich mich jetzt als Teil des großen Ganzen sehen; als Teil von Gott - und Gott als Teil von mir. Ich stellte mir vor, dass alles, was man an Materiellem im Universum ist, der Leib Gottes sei - von der göttlichen Seele durchzogen - also auch ich. Nun sah ich mich in der Lage, Gott und seine ganze Schöpfung zu lieben. Das schloss auch die Menschen ein, die mir irgendwann einmal "Böses" angetan hatten.
• Ich hatte erkannt, dass es zu unserer Natur und Entwicklung gehört, Fehler zu machen und, dass es gut ist, Fehler zu verzeihen. So konnte ich meinen "Feinden" verzeihen und frei werden von negativen Gefühlen für sie. Welch' schöne Befreiung! Entsprechend erkannte ich, dass alle meine "schlechten" Erfahrungen im Grunde gute Erfahrungen waren, denn ich hatte ja aus ihnen gelernt und sie hatten dazu beigetragen, dass ich der geworden bin, der ich nun war und dass es mir so gut ging.
Im März 1997 wurde ich mit "Depression, mittelschwer" arbeitsunfähig geschrieben. (Wenn man die Daten der Suizide meiner Brüder hochrechnet, hätte ich "statistisch gesehen" 1997 Selbstmord machen müssen). Mitte 2000 begann ich, mir Gedanken zu machen, wieso jemand mit einer Erleuchtung eine Depression bekommen kann. Ich fand heraus, dass ich trotz Erleuchtung den Konflikt in meiner Ehe nicht gelöst sondern weiter ertragen, verdrängt und Gefühle unterdrückt hatte. Ich beschloss, den Konflikt zu thematisieren und meine Gefühle wieder leben zu lassen. Da es nicht möglich war, den Konflikt zu lösen, trennte ich mich von meiner Frau. Ich ging andere Beziehungen ein, konnte durch Weinen alte, verdrängte, bisher "ungefühlte" Gefühle endlich angemessen fühlen und loslassen. Ich erkannte (mit 55!) in der
Psychotherapie, dass ich nie wirklich lieben gelernt hatte. Aber jetzt konnte ich endlich daran arbeiten, diesen Mangel zu beheben.
Ich glaube heute, dass es unser aller eigentliche Natur und in jedem von uns angelegt ist, wirklich – bedingungslos - lieben lernen zu können und wirklich – bedingungslos - glücklich zu sein. Was uns daran hindert, ist die kollektive (Zivilisations-)Neurose, die durch Selbst-Entwicklung - Entwicklung des wahren, höheren, Selbst - überwindbar ist.